Meine Damen und Herren Pazifisten
(angesichts eures martialischen Kampfgeistes
sollte ich euch wohl lieber Kriegsliebhaber nennen). Was meint ihr wenn
ihr von „Friede“ redet? Eine utopische Welt in der sich alle wohlgesinnt sind,
so wie es nach eurer Meinung Jesus gern gesehen hätte? Doch der war leider
keineswegs Pazifist. („Glaubt nicht ich sei gekommen um den Frieden auf die Erde zu bringen. Ich
bin nicht gekommen um Frieden zu bringen. Ich bin gekommen um ein Schwert zu
bringen. Ich bin gekommen um den Sohn vom Vater zu trennen, die Tochter von der
Mutter, die Schwiegertochter von der Schwiegermutter“. Matthäusevangelium, Kap.10,
Vers 34-35). Und was meint ihr, wenn ihr von “Krieg” redet? Nur den Krieg, der
mit Panzern, Kanonen , Hubschraubern und Flugzeugen geführt wird, oder auch den
Krieg mit Sprengstoffgürteln und Kamikaze-Einsätzen, die in der Lage sind auf
einem Schlag dreitausendfünfhundert Menschen umzubringen?
Ich
richte diese Frage vor allem an die Pfarrer und Prälaten der Katholischen
Kirche, einer Kirche die in dieser Angelegenheit die erste ist, die mit
zweierlei Gewichten und zweierlei Massen misst. Die, abgesehen von den
Scheiterhaufen für Ketzer, uns jahrhundertlang mit ihren Kriegen beschmutzt
hat; die kriegerische Päpste, die wie Mohammed, Menschen abschlachten liessen,
in Hülle und Fülle hervorgebracht hat. Und die heute glaubt, mit ihren
Krokodilstränen und ihren Enzykliken Pacem
in Terris, ihre Jungfräulichkeit wiedererlangen zu können, etwas, was nicht
einmal den Schönheitschirurgen Hollywoods gelingen dürfte. Aber vor allem richte
ich diese Frage an die Heuchler, die ihre Regenbogenfahnen nie schwingen, um
den Krieg der Terroristen mit ihren Sprenggürtel und ferngezündeten Autobomben
zu denunzieren. Die Frage richte ich auch an die Schwätzer, die, in gutem oder
schlechtem Glauben, die Schuld am Krieg sofort und bedenkenlos den Amerikanern und
den Israelis in die Schuhe schieben; und damit unbewusst (weil ungebildet) einen
Schwachsinn Kants nachbeten.
1795
veröffentlichte Immanuel Kant eine demagogische Abhandlung mit dem Titel “Zum
ewigen Frieden” . Demagogisch deshalb, weil er ohne Berücksichtigung der
Tatsachen, die sich vor seinen Augen abspielten, behauptete, das es die
Monarchien seien, welche die Kriege entfesseln und führen. Folglich könnten den
Frieden nur Republiken bringen. Und genau in jenem Jahre 1795 führte das
republikanische Frankreich, das Frankreich der französischen Revolution, das
Frankreich, welches Louis XVI. und Marie Antoinette guillotinieren liess und
folglich die Monarchie abgeschafft hatte, einen Krieg gegen die Monarchien
Österreich und Preussen, einen Krieg, den Frankreich drei Jahre zuvor selbst
erklärt hatte. Es führte auch einen Krieg in der Vendée, einen rachsüchtigen
Bruderkrieg, den die Revolution begonnen hatte und der sich gegen die
Katholiken und Monarchisten (meistens Bauern und Waldarbeiter) der Vendée
richtete. In jenem Jahr debütierte in Paris gerade der Mann, der im Namen von Liberté-Egalité-Fraternité den Krieg in alle Ecken
Europas und bis nach Ägypten und Russland tragen sollte, der damalige
Superrepublikaner Napoleon Bonaparte. Dieser debütierte in der Rolle eines Generals, indem er im Auftrag des Direktoriums jedes
Aufmucken der Monarchisten unterdrückte.
Potztausend. Und seitdem lassen
die Opportunisten da und dort ihrem Einbahn-Pazifismus à la Kant freie Bahn,
und beschreiten mit unverschämter Unbekümmertheit den Kriegspfad. Vielleicht singen sie sogar dazu ein Lied der linken
Partisanen, weil Revolution ja ein Krieg ist, ja meine Lieben, ein Krieg. Ein
Bürgerkrieg und ein solcher ist noch viel grausamer als ein normaler Krieg. In
der Geschichte des Menschen waren alle Revolutionen Bürgerkriege. Nehmen wir nur die jüngere Geschichte: ich
denke da an die russische Revolution oder an die in China. Ich denke an den
spanischen Bürgerkrieg und an den Krieg in Vietnam, der in jeder Hinsicht ein Bürgerkrieg war, und wer
das nicht zugeben will, ist entweder unehrlich oder ein Idiot. Ich denke an den
Krieg in Kambodscha, der genau dasselbe war. Ich denke an die Metzeleien, mit
denen sich die Völker Afrikas seit Jahrzehnten selbstzerstörerisch bekriegen.
Ich denke schliesslich auch an den Bürgerkrieg (aus moralischer Sicht ein
Bürgerkrieg), den einen guter Teil unserer westlichen Welt gegen genau diese
westliche Welt führt……
Plato
sagt, dass der Krieg existiert und dass es ihn immer geben wird, weil er aus
den Leidenschaften der Menschen hervorgeht. Man kann sich ihm nicht entziehen,
weil er in der Natur des Menschen begründet ist, d.h. in unserer Neigung zum
Jähzorn und zur Gewalt, in unserem Bestreben uns behaupten und vorherrschen zu wollen.
Ganz sicher sagt er das Richtige. Aber wenn ich darüber nachdenke, ist jede
unserer Handlungen kriegerisch. Jede unserer täglichen Handlungen ist eine Art
Krieg gegen jemanden oder gegen etwas. Die berufliche und politische Rivalität,
zum Beispiel, ist eine Art Krieg. Der Wettbewerb in allen seinen Aspekten ist
eine Art Krieg. Sportwettkämpfe sind eine Art Krieg. Und gewisse Sportarten
sind echte Kriege; eingeschlossen Fussball, den ich nie geliebt habe, weil es
mich ungeheuer stört, zuzusehen wie zweiundzwanzig junge Männer sich knuffen,
treten und wehtun, um sich gegenseitig den Ball wegzunehmen. Und keiner spreche
mit vom Boxen und von Wrestling. Das Schauspiel zweier Männer, die sich
prügeln, die Nase und die Fresse zerschlagen, sich die Arme und Beine
ausrenken, den Hals umdrehen, erschreckt mich.
Plato
irrt, wenn er sagt, dass der Krieg aus den Leidenschaften der Menschen
entsteht, dass nur Menschen Krieg machen und fertig. Der Löwe, der die Gazelle
jagt, sie mit den Zähnen an der Gurgel packt, sie zerfleischt, vollbringt eine
kriegerische Handlung. Ein Vögelchen, das sich auf einen Wurm stürzt, ihn mit
dem Schnabel erfasst und ihn lebend verschlingt, vollbringt eine kriegerische
Handlung. Ein Fisch, der einen anderen Fisch verspeist, ein Insekt, das ein
anderes Insekt verspeist, eine Samenzelle, die einer anderen Samenzelle den
Rang abläuft, vollbringt eine kriegerische Handlung. Und desgleichen die
Brennnessel, die sich in einem Weizenfeld verbreitet. Desgleichen das Efeu, das
sich einen Baum ringelt und ihn erstickt. Der Krieg ist kein Fluch, der unserer Natur steckt,
er ist ein Fluch, der im Leben an sich steckt. Wir können dem Krieg nicht
ausweichen, weil der Krieg ein Teil allen Lebens ist. Das erscheint monströs,
dem stimme ich zu. So monströs, dass mein Atheismus hauptsächlich aus dieser
Erkenntnis kommt, d.h. ich kann mir keinen Gott vorstellen, der eine Welt erschaffen
hat, in der das Leben das Leben tötet, das Leben auffrisst, eine Welt, in der
man um zu überleben, töten und andere
Lebewesen essen muss, sei es nun ein Hühnchen, eine Muschel oder eine Tomate. Wenn
diese Notwendigkeit sich wirklich ein Schöpfergott ausgedacht hätte, dann
müsste ich sagen, dass das es sich um einen echt bösartigen Gott handelt.
Ich
glaube jedoch auch nicht an den Masochismus des
Auch-die-andere-Wange-Hinhaltens. Und wenn eine Brennnessel meinen Acker
befällt oder wenn Efeu mich erstickt, oder ein Insekt mich sticht oder ein Löwe
mich beissen will oder ein anderer Mensch mich angreift, wehre ich mich. Ich
nehme den Krieg an, ich kämpfe. Und das mache ich mit der Waffe, die mir eigen
ist und die ich stets mit mir führe, und die ich ohne Vorbehalt und
Ängstlichkeit benutze, wirklich. Ich meine die unblutige Waffe meiner Gedanken,
die ich mit meinen Worten ausdrücke, mittels meiner Ideen und Prinzipien, was
mich vom Tier und von der Pflanze unterscheidet. Aber wenn das nicht reicht,
bin ich bereit noch mehr zu machen. So wie ich es als junges Mädchen gemacht
habe, wenn die Brennnessel mein Land besetzte, wenn der Efeu es erstickte. Und
kein Hanswurst, der mich auf der Strasse dumm anpöpelt, kein Landsknecht, der
mein Bild im Fernsehen beschmutzt, keine blöde Gans, die mich mit dem Helm auf
dem Kopf abbildet und sich über meine Krankheit lustig macht, wird mich davon
abhalten. Keine Demonstration von Schwätzern, die Plakate mit der Aufschrift
„Oriana-Hure“ oder „Fallaci-Kriegstreiberin“ hoch halten, wird mir Angst
einjagen und mich zum Schweigen bringen. Kein Sohn Allahs, der dazu auffordert
die ungläubige Hündin zu bestrafen, wird es gelingen mich zu erschrecken, mich
zu ermüden. Niemals. selbst jetzt nicht wo ich mich am Abend meines Lebens
befinde, und nicht mehr die physische Kraft meiner Jugend besitze, denn ich
gedenke diesen Abend zu leben, bis zum letzten Tropfen zu trinken.
[Anm.
des Redaktors: Mit der Sicht Oriana
Fallacis bezüglich des Krieges bin ich nicht einverstanden, denn ich
unterscheide zwischen Krieg und normaler Gewalttätigkeit, Gewaltanwendung. Wie
Plato sehe ich im Krieg eine spezifisch menschliche Handlung. Er hängt mit dem
menschlichen Hang zu Rechthaberei, Überheblichkeit, Herrschsucht, Neid, Hass
und Habsucht zusammen. Kriege fangen häufig an, weil jemand seine Ideen mit
Gewalt durchsetzen will (einen Glauben, eine Ideologie wie zum Beispiel den
Kommunismus, den Islam oder den Nazismus). Dieses Durchsetzen mittels Gewalt
geht meistens auch mit Habsucht einher. Man will dem Gegner etwas wegnehmen und
ihn dadurch schwächen. Im Tierreich hingegen kultiviert niemand Ideen und
kämpft niemand für Ideen. Kein Tier tötet aus reinem Spass wie es manche
Menschen tun, sondern aus Notwendigkeit, um sich zu ernähren. Rivalitäten
zwischen Individuen der gleichen Art werden meistens friedlich beigelegt. Der
Schwächere (Klügere?) gibt nach. Die Natur lässt sich eben nicht mittels
menschlichen Kategorien (positiv, negativ, gut, böse) bewerten. Kriege sind
nicht unausweichlich. Zivilisierte und wohlhabende Staaten sind wohl in der
Lage ihre Probleme friedlich zu lösen. Auch weil sie in der Regel keine
extremen Positionen einnehmen und verteidigen.]
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